Ein Oasendorf im Süden Tunesiens versucht, seinen ­Einwohnern ein Auskommen zu bieten – unbürokratisch, basisdemokratisch und ohne staatliche Unterstützung. Doch nun will die Regierung im fernen Tunis den ­aufmüpfigen Dattelbauern das Handwerk legen.

Mit Tahar Etahri mehr als fünf Sätze am Stück zu wechseln ist schwierig. Schuld daran sind die beiden Telefone des 64-jährigen Gewerkschafters, die ihn regelmäßig unterbrechen. Gern klingeln sie auch mal zeitgleich. Meistens rufen Journalisten aus der Hauptstadt Tunis an, die wissen wollen, was in dem kleinen Ort Jemna am Rande der Sahara passiert. Etahri entschuldigt sich dann und antwortet geduldig dem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung.

Denn der pensionierte Französischlehrer hat eine Mission: die Dattelplantage seines Heimatdorfes für dessen Bewohner zu bewahren. Sie ist das Herzstück eines in Tunesien wohl einmaligen Sozialexperiments, bei dem die Dorfbewohner versuchen, in Eigenregie ein funktionierendes Wirtschaftsmodell für ihre Gemeinde aufzubauen.

Sieben Stunden über oft holprige Landstraßen dauert die Fahrt von der tunesischen Hauptstadt nach Jemna. Am Ortseingang erheben sich grüne Palmen aus der gelblich-staubigen Wüstenlandschaft. Ursprünglich war der Palmenhain von Jemna eine kleine Oase, wie es sie am Rande der Wüste vielerorts gibt: ein paar Dattelpalmen, dazu ein bisschen Obst und Gemüse, dazwischen Gras für einige Ziegen und Schafe. Heute bewirtschaftet ein Verein in Jemna rund 180 Hektar. Mehr als 10.000 Dattelpalmen stehen dort. Die Versteigerung der letzten Jahresernte der süßen, goldschimmernden Früchte brachte einen Ertrag von 1,7 Millionen Dinar, umgerechnet rund 700.000 Euro.

„Unser Schicksal selbst in die Hand nehmen“

Nur ein handgemaltes Transparent an einem Wirtschaftsweg lässt erahnen, dass um die Oase seitdem eine erbitterte Auseinan­dersetzung tobt. »Jemna begrüßt all seine Unterstützer und Verteidiger«, steht dort in verblichenen roten Buchstaben. Es ist ein Disput, dessen Ursprünge ziemlich genau hundert Jahre zurückliegen. Tunesien stand damals unter französischem Protektorat, und ein Großgrundbesitzer hatte sich die Oase unter den Nagel gerissen. Er baute einen Gutshof, grub Brunnen und fing an, das Land systematisch zu bewirtschaften. Bis heute werden die Ländereien in Jemna das »Gut des Besatzers« genannt. Nach der Unabhängigkeit 1956 übernahm der tunesische Staat die Dattelplantage.

Als die Bevölkerung im Winter 2010/2011 gegen die korrupten Machthaber auf die Straße ging, witterten auch die arbeitslosen Jugendlichen in Jemna ihre Chance. Zwei Tage vor der Flucht des Machthabers Zine el-Abidine Ben Ali besetzten mehrere Dutzend junge Männer die Oase.

Aus der spontanen Bewegung heraus organisierten sich die Bürger, die sich als legitime Besitzer des Landes sehen, und gründeten einen Verein. Tahar Etahri, ein politisch gewiefter, oppositionserfahrener Gewerkschafter, solle das Anliegen der Bewohner in der Öffentlichkeit vertreten, entschieden die jungen Leute. Bis heute ist er ehrenamtlicher Vorsitzender des »Vereins zur Rettung der Oase von Jemna«.

»Der Staat war hier nie wirklich präsent«, sagt er. »Als wir plötzlich die Möglichkeit sahen, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, haben wir die Gelegenheit ergriffen.« mehr

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