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The revolution will not be televised – Tunesische Kurzfilme in Frankfurt und Wiesbaden

Die tunesische Revolution hat im Kino ihre Spuren hinterlassen – und sie hat sich angekündigt. Kurzfilme wie Le Stade (Alaeddine Slim) und Coma (Alaeddine Aboutaleb), Vivre (Walid Tayaa) und Condamnation (Walid Mattar) haben lange vor dem Sturz Ben Alis einen Blick auf die sozialen Missstände, auf Spannungen und Frustration der Gesellschaft geworfen.

Neben einer Welle “Revolutionsfilme”, die sich direkt den Ereignissen rund um den 14. Januar widmen, werfen andere einen Blick hinter die Kulissen, auf die Ursachen, Probleme und Herausforderungen für den kleinen Mittelmeerstaat auf dem verschlungenen Pfad zur Demokratie.

Eine Auswahl tunesischer Kurzfilme, die ich für das Lichter Filmfest  zusammengestellt habe, zeigt den Blick junger tunesischer Regisseure auf Politik, Gesellschaft und Revolte.

Coma (Koma), Alaeddine Aboutaleb, Exit Productions, Tunesien 2010, 8’
In eine morbide (?) Welt aus Kadavern, Knochen und Totenköpfen kommt Bewegung. Getrieben vom Willen zu leben, versuchen die Skelette, ins Diesseits zurückzukehren.

Le Stade (Das Stadion), Alaeddine Slim, Tunesien 2010, 24’
In einer kalten Winternacht wandert ein Fußballfan nach der Niederlage seines Teams durch die einsamen Straßen von Tunis. Unterwegs trifft er einen herrenlosen Hund, der genauso ziellos wie er umherstreunt.

Lmrayet (Die Brillen), Nadia Rais, Tunesien 2011, 11’
Bou Mrayet wird in eine Welt geboren, in der alle Kinder von Geburt an Brillen tragen. Als Erwachsener, 23 Jahre später, arbeitet er als Angestellter in einem Zentrum, dass dafür verantwortlich ist, die Zukunft zu schreiben. Eines Tages nimmt er seine Brille ab.

Tunisian Dream, Amine Messadi, Tunesien 2011, 6’
Alltag in Regueb, ein Jahr nach der Revolution – zwischen Routine und Hoffnung.

Pourchassé (Verfolgt), Imed Issaoui, Tunesien 2011, 4’
Filmische Improvisation über das Gedicht eines politisch Verfolgten, der unter der Regierung Ben Alis untergetaucht war.

Loi 76 (Gesetz 76), Mohamed Ben Attia, Tunesien 2011, 12’
Tunesien 2015: ein Gesetz ordnet die Schließung aller Cafés an, die Bevölkerung verfällt in Depressionen. Was ist von der Revolution übriggeblieben?

L’offrande (Die Opfergabe), Walid Mattar, Tunesien 2011, 10’
Die Familie des 7-jährigen Maher ist die einzige im ganzen Viertel, die noch kein Schaf fürs Opferfest gekauft hat. Die Mutter möchte dem Sohn ersparen, dass sich die anderen Kinder über ihn lustig machen und überredet ihren Mann zu einer ungewöhnlichen Lösung.

Pourquoi moi ? (Warum ich?), Amine Chiboub, Tunesien 2011, 12’
Der Firmendirektor streitet sich am Telefon mit seiner Frau – wird er abends das wichtige Fußballspiel schauen, auf das er sich so lange gefreut hat, oder mit seinen Schwiegereltern zu Abend essen? Der Disput löst eine Kettenreaktion aus.

Regueb, Emilie Flamant und Akram Ayari, Tunesien 2011, 2’
Die Kleinstadt Regueb, Wiege der tunesischen Revolution, hat viele Opfer gebracht. Eine Meditation über Symbole, Träume, Verletzungen, und das Leben, das unverändert weitergeht.

 

Mi, 28.3.2012, 22:00 – 23:30 Metropolis 12 (Frankfurt)
Do, 29.3.2012, 18:00 – 19:30, Murnau Filmtheater (Wiesbaden)


Doc à Tunis – revolutionär?

Doc à Tunis gibt sich dieses Jahr revolutionär mit Filmen aus Tunesien und Ägypten, die sich der aktuellen politischen Situation annehmen. Dass das Programm eher knapp und ein bisschen zusammengewurschtelt aussieht: normal, schließlich war hier vor drei Monaten noch Revolution. Dass das Festival trotzdem stattfindet: hervorragend. Das Sihem Belkhodja sich als große Revolutionärin darstellt: no comment….

Die Zusammensetzung des Organisations-Teams sorgte im Vorfeld in Tunis für mehr Diskussionen als das Programm. Hichem Ben Ammar, ehemaliger künstlerischer Leiter, hatte bereits im vergangenen Jahr angekündigt, zu gehen – und inzwischen sein eigenes Dokumentarfilmprogramm angeschoben. Bleibt Khemais Khayati: der hatte im vergangenen August noch die berühmte “Liste der 65″ unterzeichnet, die Ben Ali aufrief, sich 2014 erneut zur Wahl zu stellen. Und Sihem Belkhodja, Gründerin des Festival, ebenfalls Unterzeichnerin besagter Liste und schon lange gut vernetzt, sowohl nach oben als auch nach Frankreich. La Presse berichtete letzte Woche noch, Belkhodja sei nicht mehr dabei – am Samstag bei der Pressekonferenz zur sechsten Auflage des Festivals war sie dann doch sehr präsent. Ob ein “revolutionäres” Festival reichen wird, um sich reinzuwaschen?


“Die Welt draußen ist verrückt, nicht wir”

So langsam geht es wieder aufwärts mit dem kulturellen Leben in Tunis. Nach dem großen Schweigen der Kulturszene zur Revolution bilden sich inzwischen einige Initiativen, und alte Bekannte kommen mit neuen Konzepten zurück. Unter anderem Hichem Ben Ammar, der ehemalige künstlerische Leiter von Doc à Tunis, der jetzt sein eigenes Programm auf die Beine gestellt hat. Mehr auf dem Blog.