Tausende Tunesier kämpfen an der Seite radikalislamistischer Gruppen. So auch der 26-jährige Faysal, der vor vier Jahren zum Dschihad nach Syrien ging. Seine Familie weiß bis heute nicht warum.

„Dieses Gespräch hat nie stattgefunden. Wir kennen uns nicht. Keine Namen. Versprochen?“, fragt Belgacem, der eigentlich anders heißt. Immer wieder schaut sich der Endfünfziger im grünen Arbeitskittel angespannt um. „Ich will nicht, dass sie auf der Arbeit etwas davon erfahren.“ Wir sitzen in einem tunesischen Straßencafé, einige Straßen von seiner Arbeitsstelle entfernt, um über Belgacems Neffen Faysal zu sprechen. Mehr als vier Jahre ist es inzwischen her, dass dieser nach Syrien gegangen ist, um an der Seite radikaler Islamisten zu kämpfen. Faysal, der in Wirklichkeit auch einen anderen Namen trägt, war damals 22 Jahre alt.

Sein Onkel will nicht an die große Glocke hängen, was mit dem Jungen passiert ist. Die Nachbarn im Vorort der Hauptstadt Tunis, wo die Familie wohnt, würden schon genug reden. Die Familie sei herzlich und sauber, der Vater ein fleißiger Arbeiter, erzählt einer von ihnen. „Faysal war immer ein strebsamer, braver Junge, der hat keinen Quatsch gemacht.“

Wie wurde aus dem braven Faysal ein Dschihadist? Was ist der Auslöser, dass er schließlich nach Syrien ausreist? Bereut er heute seine Entscheidung? Vieles lässt sich nicht beantworten, und viel weiß nicht mal seine Familie darüber, wie es Faysal heute geht. Alle zwei, drei Monate ruft er seine Mutter in Tunis an. Einsilbig sei er, „denn die Gespräche werden sicherlich überwacht“, erzählt sein Onkel Belgacem. Er sei am Leben, habe geheiratet und eine Tochter bekommen, mehr weiß die Familie nicht. „Er ist irgendwo in Syrien, aber wir wissen nicht mal, für welche Gruppe er kämpft.“

Klar ist eigentlich nur: Faysals Radikalisierung beginnt in etwa, als andere Tunesier für Freiheit und Demokratie protestieren und im Januar 2011 den Diktator Zine el-Abidine Ben Ali stürzen. Faysal interessiert sich nicht für Politik. Er besteht derweil mit Ach und Krach sein Abi und fängt ein Studium an. Auch das mit mäßigem Erfolg. „Irgendwann ist er dann nicht mehr zum Fußball, sondern in die Moschee gegangen“, erzählt sein Onkel Belgacem.

Fernsehen, Musik hören, tanzen? Alles „haram“, findet Faysal

Die Familie ist selbst konservativ und gläubig. Doch laut Belgacem habe sie bald bemerkt, dass bei dem jüngsten der vier Kinder mehr hinter den Moscheebesuchen steckte als reines Interesse an der Religion. Innerhalb von wenigen Monaten werden Faysals Ansichten immer radikaler. „Er hat sich einen Bart wachsen lassen und wollte, dass seine Eltern den Fernseher abschaffen.“ Nüchtern reiht der Onkel die Ereignisse aneinander, an denen er die Veränderung seines Neffen festmacht, als versuche er, Ordnung in eine Reihe von Fragen zu bringen, auf die er bis heute keine Antwort finden kann. Bald hätte er Frauen nicht mehr die Hand gegeben. „Einmal ist die ganze Familie auf die Hochzeitsfeier von Nachbarn gegangen, da hat er sich geweigert.“ Musik und Tanz seien „haram“, hat er gesagt. „Haram“ bedeutet: für Muslime verboten.

Belgacem sucht damals, im Herbst 2012, das Gespräch mit Faysal. Er war in den frühen 1980er-Jahren selbst in die Fänge radikaler Islamisten geraten. „Am Anfang haben wir damals nur den Koran auswendig gelernt. Dann sollten wir den Umgang mit Waffen trainieren.“ Da sei er ausgestiegen, gerade noch rechtzeitig, wie er im Rückblick sagt. Er dachte, dass sein Neffe auf ihn hören würde, da er wisse, wovon er spreche. Belgacems Augen füllen sich mit Tränen, er beißt sich auf die Unterlippe. „Ich habe versucht, ihn zur Vernunft zu bringen. Aber ich bin gar nicht mehr an ihn rangekommen.“  mehr

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