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1.Mai in Tunis – drei Gewerkschaften, zwei Demos, ein Volk mit unzähligen Forderungen

Nach der Demonstration vom 9. April, bei der es zu massiven Übergriffen der Polizei gekommen war, stand heute in Tunis die Nagelprobe an. Zwei der drei Gewerkschaften, die UGTT und die UTT, hatten zu Demonstrationen aufgerufen. Ja, solange sie sich an abgesprochene Strecke und Uhrzeiten halten, gab das Innenministerium bekannt. Rund dreihundert Demonstranten zogen gegen zehn Uhr morgens vom Sitz der nach der Revolution gegründeten UTT Richtung Platz der Menschenrechte. Einige Straßen weiter, vor dem Gebäude der ehemaligen Einheitsgewerkschaft am Platz Mohamed Ali, war um diese Zeit längst kein Durchkommen mehr. Tausende drängten sich in den umliegenden Gassen, bevor die Menge dann – wie am 14. Januar 2011 – Richtung Innenministerium zog. Ihre Forderungen waren so bunt gemischt wie die Teilnehmer – Arbeit, Reform des Bildungssystems, Abschaffung des Kapitalismus oder der TV-Gebühren. Trotz vereinzelter Provokationen blieb alles ruhig, Straßenhändler verkauften Fahnen, Popcorn und Zuckerwatte, auf den Terrassen der Cafés gab es bei strahlendem Sonnenschein keinen Sitzplatz mehr. « Wenn die Polizei nicht einschreitet, dann zieht auch das Argument nicht mehr, dass die Demonstrationen der Wirtschaft schaden », lachte einer der Demonstranten.


« Das Volk hat genug »

In Tunesien verschärfen sich die Spannungen zwischen der Regierung und Anhängern der Opposition. Bei einer Demonstration zum Märtyrertag kam es in der Innenstadt der Hauptstadt Tunis zu massiven Übergriffen auf Demonstranten und Journalisten. Dabei wurden mehrere Menschen verletzt.

„Das Volk hat genug von den neuen Trabelsis“ und „Das Volk fordert den Sturz des Systems“ schreien die Demonstranten in Tunis auf der Hauptstraße von Tunis – im Januar 2011 hatten sie dort Machthaber Ben Ali verjagt. Ein gutes Jahr später ist die Avenue Bourguiba erneut Schauplatz gewalttätiger Übergriffe der Polizei auf Demonstranten und Journalisten.  Seit zwei Wochen hat das tunesische Innenministerium dort jegliche Demonstrationen verboten.  Doch nach einer Demonstration von Arbeitslosen am vergangenen Samstag, die gewaltsam niedergeschlagen wurde, riefen verschiedene Gruppierungen dazu auf, den Märtyrertag heute auf der Avenue Bourguiba zu begehen.

Die Wut der Demonstranten richtet sich vor allem gegen die islamistische Partei Ennahdha, die größte Partei der Regierungskoalition. Während friedliche Demonstrationen der Opposition und der Gewerkschaft in den vergangenen Wochen mehrfach mit Tränengas aufgelöst wurden, ließ die Regierung salafistische Gruppierungen unbehelligt demonstrieren.

"Polizei in Zivil oder Miliz?" spekuliert die tunesische Presse

Immer wieder drängen im Verlauf des Vormittags tausende Demonstranten in Richtung Hauptstraße vor, die Polizei setzt zunächst nur Tränengas ein, um die Menge aufzulösen. Doch am späten Vormittag fängt sie an, auch mit Schlagstöcken vorzugehen. Polizeiautos rasen durch die Straßen der Innenstadt, Personen in Zivil mit vermummtem Gesicht werfen Tränengaskartuschen in die Menge oder springen aus dem Auto, prügeln mit Schlagstöcken scheinbar wahllos auf Umstehende ein und verschwinden wieder. Auffallend viele Personen in Zivil zählen zu den Angreifern, ihre Autos sind ohne Kennzeichen unterwegs. Ob es sich dabei um Polizisten in Zivil oder – wie viele in Tunesien spekulieren – um Milizionäre des alten Regimes oder der Regierungspartei Ennahdha handelt, ist schwer zu beurteilen. Dass sie eng mit der Polizei kooperieren war aber nicht zu übersehen. Im Nationalfernsehen sagte der tunesische Innenminister Ali Larayedh abends, die Polizei habe keine Schlagstöcke eingesetzt. Hier einige Fotos von heute, auf denen das anders aussieht. Larayedh und Präsident Moncef Marzouki berichteten von Übergriffen auf Journalisten. Außerdem hätten die Sicherheitskräfte in der Nähe der Hauptstraße von Tunis einen Wagen mit Molotov-Cocktails gestoppt. Daher habe die Polizei hart durchgegriffen.

Die tunesischen Journalisten sehen die neugewonnene Pressefreiheit in Gefahr

Wenig später häufen sich auch die Übergriffe auf Journalisten, die über die Demonstration berichten wollen. Es bleibt nicht lange bei Verbalattacken – wer Kamera oder Mikrofon zückt wird von Polizisten und Personen in Zivil beschimpft und teilweise körperlich angegriffen. Außer dem Versuch, meine Kamera kaputt zu schlagen ist mir nicht viel passiert, da ich mich in ein Café flüchten konnte, als die Polizei begann, gezielt gegen Journalisten vorzugehen. Eine Mitarbeiterin des maghrebinischen Senders Nessma TV hat allerdings mehrere Knochenbrüche erlitten, Julie Schneider von Le Point berichtet, dass sie von Polizisten zusammengeschlagen wurde, außerdem wurde ein Kameramann der BBC angegriffen.

Am Abend kam es laut Berichten verschiedener tunesischer Medien zu Demonstrationen in Sousse, Sfax, Monastir und Sidi Bouzid. In Monastir wurde ein Büro von Ennahdha in Brand gesetzt.

 


Tunis am Märtyrertag

Proteste in Tunis eskalieren
Bei Demonstrationen in Tunis kam es zu den heftigsten Übergriffen der Sicherheitskräfte seit Monaten. Die Spannungen zwischen der Regierung und der Opposition und Zivilgesellschaft verschärfen sich zunehmend. (DW, 10.04.2012)



alle Fotos © Sarah Mersch


The revolution will not be televised – Tunesische Kurzfilme in Frankfurt und Wiesbaden

Die tunesische Revolution hat im Kino ihre Spuren hinterlassen – und sie hat sich angekündigt. Kurzfilme wie Le Stade (Alaeddine Slim) und Coma (Alaeddine Aboutaleb), Vivre (Walid Tayaa) und Condamnation (Walid Mattar) haben lange vor dem Sturz Ben Alis einen Blick auf die sozialen Missstände, auf Spannungen und Frustration der Gesellschaft geworfen.

Neben einer Welle « Revolutionsfilme », die sich direkt den Ereignissen rund um den 14. Januar widmen, werfen andere einen Blick hinter die Kulissen, auf die Ursachen, Probleme und Herausforderungen für den kleinen Mittelmeerstaat auf dem verschlungenen Pfad zur Demokratie.

Eine Auswahl tunesischer Kurzfilme, die ich für das Lichter Filmfest  zusammengestellt habe, zeigt den Blick junger tunesischer Regisseure auf Politik, Gesellschaft und Revolte.

Coma (Koma), Alaeddine Aboutaleb, Exit Productions, Tunesien 2010, 8’
In eine morbide (?) Welt aus Kadavern, Knochen und Totenköpfen kommt Bewegung. Getrieben vom Willen zu leben, versuchen die Skelette, ins Diesseits zurückzukehren.

Le Stade (Das Stadion), Alaeddine Slim, Tunesien 2010, 24’
In einer kalten Winternacht wandert ein Fußballfan nach der Niederlage seines Teams durch die einsamen Straßen von Tunis. Unterwegs trifft er einen herrenlosen Hund, der genauso ziellos wie er umherstreunt.

Lmrayet (Die Brillen), Nadia Rais, Tunesien 2011, 11’
Bou Mrayet wird in eine Welt geboren, in der alle Kinder von Geburt an Brillen tragen. Als Erwachsener, 23 Jahre später, arbeitet er als Angestellter in einem Zentrum, dass dafür verantwortlich ist, die Zukunft zu schreiben. Eines Tages nimmt er seine Brille ab.

Tunisian Dream, Amine Messadi, Tunesien 2011, 6’
Alltag in Regueb, ein Jahr nach der Revolution – zwischen Routine und Hoffnung.

Pourchassé (Verfolgt), Imed Issaoui, Tunesien 2011, 4’
Filmische Improvisation über das Gedicht eines politisch Verfolgten, der unter der Regierung Ben Alis untergetaucht war.

Loi 76 (Gesetz 76), Mohamed Ben Attia, Tunesien 2011, 12’
Tunesien 2015: ein Gesetz ordnet die Schließung aller Cafés an, die Bevölkerung verfällt in Depressionen. Was ist von der Revolution übriggeblieben?

L’offrande (Die Opfergabe), Walid Mattar, Tunesien 2011, 10’
Die Familie des 7-jährigen Maher ist die einzige im ganzen Viertel, die noch kein Schaf fürs Opferfest gekauft hat. Die Mutter möchte dem Sohn ersparen, dass sich die anderen Kinder über ihn lustig machen und überredet ihren Mann zu einer ungewöhnlichen Lösung.

Pourquoi moi ? (Warum ich?), Amine Chiboub, Tunesien 2011, 12’
Der Firmendirektor streitet sich am Telefon mit seiner Frau – wird er abends das wichtige Fußballspiel schauen, auf das er sich so lange gefreut hat, oder mit seinen Schwiegereltern zu Abend essen? Der Disput löst eine Kettenreaktion aus.

Regueb, Emilie Flamant und Akram Ayari, Tunesien 2011, 2’
Die Kleinstadt Regueb, Wiege der tunesischen Revolution, hat viele Opfer gebracht. Eine Meditation über Symbole, Träume, Verletzungen, und das Leben, das unverändert weitergeht.

 

Mi, 28.3.2012, 22:00 – 23:30 Metropolis 12 (Frankfurt)
Do, 29.3.2012, 18:00 – 19:30, Murnau Filmtheater (Wiesbaden)


Im Archiv gekramt

Im Archiv meiner Mutter, um genau zu sein. Einige Fotos aus dem Tunesien der späten 1960er und frühen 1970er, aus Tunis (Motfleury, Altstadt, Carthago), Kairouan und El Jem:

 

Tunisia, 1969-71 from sarah m on Vimeo.


Tunis: Neuer Mythos einer historischen Stadt

Tunis, das ist arabischer Frühling, Revolution, der Geruch von Freiheit. Die Hauptstadt des kleinen Mittelmeerstaats rückte im Januar 2011 ins Licht der Öffentlichkeit, als die Tunesier ihren autokratischen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali in die Flucht schlugen. Doch das ist nicht das erste Mal, dass in Tunis Geschichte geschrieben wird. Seit sich die Phönizier vor fast 3000 Jahren in Karthago, damals einem kleinen Flecken Land an der nordafrikanischen Küste, niedergelassen haben, hat die Stadt in ihrer bewegten Geschichte so manchen Herrscher kommen und gehen sehen. Ein Streifzug durch die Stadt, in der römisches Erbe und Revolution, traditionelles Handwerk und moderne Kunst aufeinandertreffen – bei BR2 radioWissen.


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